Das Bild des Selbst – aus „Die verborgene Kraft“

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Von einem anderen Standpunkt erhebt sich die Frage: Welche Art von Mensch siehst du, wenn du auf dich selbst blickst? Im eigentlichen Zentrum der Person ist immer ein Bild des Selbst vorhanden. Dieses Selbstbildnis ist das Ergebnis der durch den bewussten und unterbewussten Geist gelenkten geistigen und emotionalen Vorgänge. Es mag anderen Menschen nicht sichtbar sein; aber es ist immer da. Es ist so, wie wir uns selbst fühlen und erkennen. Unsere gegenwärtige Situation, sei sie gekennzeichnet durch Wohlergehen oder Armut, Krankheit oder Gesundheit, Selbstvertrauen, soziale Anerkennung oder Enttäuschung und Irrtum, ist ein exaktes Spiegelbild unseres Selbstbildnisses. Man muss nur das denken, was man zu erleben und zu werden wünscht.

Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass wir dieses Selbstbildnis geschaffen haben. Es mag durch Vererbung und Umweltbedingungen beeinflusst worden sein. Aber es ist mehr als die Summe dieser Bestandteile. Es ist die innere Wirklichkeit unseres Lebens. Wie es auch immer beschaffen sein mag, wir selber sind verantwortlich dafür. Wir haben es aufgebaut.

Der moderne Mensch hat in hohem Grade das Gefühl für die Ganzheit und Selbstkontrolle und den Sinn für ein Lebensziel verloren. In Ermangelung einer personalen Integrität begreift der einzelne sich als Spielball des Daseins, unbarmherzigen und sinnlosen kosmischen Kräften ausgeliefert. Viele Wissenschaftler unterstützen in unverantwortlicher Weise durch die Art ihrer Forschungen und Interpretationen der Natur und des Menschen den Gedanken an die Sinnlosigkeit des Universums.

Um ein Bild des eigenen Selbst zu formen, das zugleich eine volle Entwicklung der Persönlichkeit erlaubt, bedarf es des Glaubens an den uralten Menschheitsanspruch auf ein lebendiges und sinnvolles Universum des unerforschlichen Geistes. In einem Gedicht Lord Tennysons spiegelt die Zeile ≫Nichts wandert mit ziellosen Füßen≪ einfach und zugleich tiefgründig den Zwiespalt unseres Daseins, aber auch die Hoffnung.

Eine zielgerichtete Aktion finden wir in allen Vorgängen unseres Körpers. Der bereits erwähnte Nobelpreisträger Alexis Carrel erzählte die dramatische Geschichte von den winzigen Blutstropfen, die scheinbar aus nichts ein Blutgefäß aufbauen. Es entspricht der Natur des Blutes, durch Adern zu fließen. Doch Blut unterscheidet sich trotz seiner Formbestandteile von Blutgefäßen, die aus Membranzellen, Muskelzellen, Fasern und verbindenden Gewebszellen zusammengesetzt sind. Die Blutzellen enthalten nicht die geringste Spur jener Zellen, aus denen Blutgefäße bestehen, doch diese Blutzellen besitzen schöpferische Kraft und bringen auf geheimnisvolle Weise die verschiedensten Arten gerade notwendiger Zellen hervor. Diese Aktion der Blutzellen beleuchtet den Lebensprozess, der Dinge aus sich heraus für einen besonderen Zweck der Selbsterhaltung erschafft.

Die selbstgelenkte, schöpferische Tat findet man auf dem einheitlichen Grund allen Lebens. Betrachten wir die Amöbe, die die Tradition einer entfernten Vergangenheit weiterträgt. Die Amöbe hat keinen Magen, trotzdem isst sie und verdaut die Nahrung. Sie besitzt weder Kiemen noch Lungen und atmet doch. Ohne Flossen, Flügel oder Beine bewegt sie sich vorwärts. Die Amöbe ist gänzlich ohne Gehirn, und dennoch kommt sie gut durch ihr Leben. Ohne ein Fortpflanzungssystem zu besitzen, vermehrt sich dieser Organismus wirksamer und schneller als jede andere Kreatur. Mit einem dem bloßen Auge unsichtbaren Körper kann er fast alles das tun, was ein Dinosaurier von vierzig Tonnen Gewicht zu leisten vermochte. Dieses mikroskopische Lebewesen besitzt Kraftquellen und Weisheit, die seine Art durch all die ungezählten Jahrhunderte seit dem Beginn des Entwicklungsprozesses auf unserem Planeten erhalten haben.

Nichts auf der Welt ist dem Zufall oder dem Glück verdanken. Jedes Geschehen, alle Formen des Verhaltens sind ursächlich. Alle Tatkraft, ob wir sie verwirklichen oder nicht, verfolgt ein Ziel. Jeder von uns wählt, der wahren Natur des Lebensprozesses gehorchend, das Ziel oder Objekt, das er erreichen möchte. Das Leben lässt sich lenken. Es kann auf ein erwähltes Objekt gerichtet sein. Keiner braucht sich als Marionette zu fühlen, die durch Fäden von unsichtbarer Hand gelenkt wird.

Die erste Voraussetzung muss die Kenntnis der angeborenen Größe und Macht innerhalb des eigenen Geistes sein. Der verstorbene französische Naturwissenschaftler Lecomte de Nouy sagte, dass 1600000000 Jahre nötig waren, um den menschlichen Geist zu entwickeln. Doch abgesehen von seiner langen Entwicklung, ist der Geist der Maßstab der Wirklichkeit. Tatsächlich ist er die einzige Realität in einer Welt der sich verflüchtigenden Materie. Jeder von uns ist Geist. Die Kraft hinter allem Fortschritt und allem Vollbringen entstammt der aus dem Geist geborenen Energie. Richtig angewendet, wird der Geist jedem Menschen das bringen, was er nötig hat.

Man bedenke, dass das Leben ein Kampf zwischen zwei grundlegenden Trieben ist. Jeder von uns kennt den Lebensdrang. Der Instinkt der Selbsterhaltung steht hinter fast allen Aktionen, die wir planen oder tun. Wir sollten aber nicht vergessen, dass auch der Gegensatz dieses aufbrausenden Impulses, die Selbstzerstörung, ein Teil unserer Mitgift ist.

Der erfolgreiche amerikanische Mediziner Peter J. Steincrohn hat gesagt: ≫Es ist eine bewiesene Erkenntnis der Psychiatrie und der Psychologie, dass der >Todesinstinkt< in die wahre Struktur der Person eingepflanzt ist.≪ Wie man es auch immer erklären mag, es ist eine Erfahrungstatsache, dass manche Menschen den Tod dem Leben, die Krankheit der Gesundheit und das Scheitern dem Erfolg vorziehen.

Die Therapeutin Dorothea Brande sagte über den Willen zum Scheitern:

≫So absurd es auf den ersten Blick erscheinen mag, dass jemand sich selbst unbewusst und dennoch feierlich dem Misserfolg verschwört, ergibt doch die Beobachtung, dass es unter hundert Menschen kaum einen gibt, der sich nicht in irgendeiner Weise selbst verkrüppelt und sein eigener Gegner ist. Mit der Zeit und Energie, die wir einsetzen, um Fehler zu machen, konnten wir sicheren Erfolg erzielen.≪

Dieser Wille zum Scheitern kann überwunden und ausgeschaltet werden, wenn wir das Unterbewusstsein mit dem Willen zum Erfolg erfüllen. Man soll seine Plane nicht durch Selbstmitleid, Furcht und Routinedenken durchkreuzen. Der eigene Wille, der Wille zum Gelingen, ist starker, wenn er von der zielgerichteten unterbewussten Kraft getragen und unterstützt wird.

Die Erkenntnisse dieser Ausführungen bauen auf der Vorstellung, dass die menschliche Erfahrung ein Übungsgelände ist, dessen Sinn darin besteht, die latente Kraft der menschlichen Person zu entwickeln und zu erweitern. Das Leben ist weder ein Rosengarten noch ein Schutthaufen. Für den einzelnen soll das Leben eine Schule der Erfahrung sein, in der die von der ≫Lebensquelle≪ potentiell eingepflanzte schöpferische Energie entwickelt und geübt wird, um das Verantwortungsbewusstsein zu vermehren. Vielleicht der größte Fehler unserer Tage ist das mangelnde Verständnis für die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erneuern und sich eine neue Richtung zu geben. Diese Fähigkeit bestätigt die von einem bedeutenden englischen Juristen ausgesprochene Weisheit: ≫Du hast den Schlüssel in dir selbst, mit dem du die geheimnisvolle Kammer öffnen kannst, die deinen Herzenswunsch enthalt.≪

Wenn wir ein zielgerichtetes Leben führen wollen, müssen wir zweierlei besitzen: Glaube und Arbeit.

Wir müssen glauben, dass unser Streben ein Ziel hat. Wenn die Wissenschaft uns morgen den Beweis bringen sollte, dass die Erde ein Tonklumpen ist, der ziellos durch einen beliebigen Raum fliegt, dass sie bewohnt wird von Kreaturen ohne Plan und Zweck, brauchte das unseren Glauben an den Sinn nicht zu schmälern. Es wäre uns dann immer noch möglich, eine Welt und ein Universum in den Tiefen unserer Person aufzubauen an die wir glauben konnten.

Wir  müssen arbeiten. Wir  müssen die Aufgabe erfüllen, die wir uns selbst vorgenommen haben. Das bedeutet die Übernahme einer persönlichen Pflicht; und wenn diese Pflicht angenommen ist, wird sie zum Freibillet eines sein Schicksal steuernden Bürgers. Wir müssen glauben, dass in dieser Welt ein Fortschritt erreicht werden kann, Stein auf Stein. Und wir müssen uns dazu bekennen, dass jeder von uns seinen Anteil von Ziegeln und Steinen hinzufügen wird und muss. Denn es gibt keine Rolltreppe zum Erfolg, die uns die zum Gelingen erforderliche persönliche Verantwortung abnehmen würde.

aus „Die verborgene Kraft – Das Unterbewusstsein – Schlüssel zum Erfolg“ von JK Williams

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