Guten Morgen liebe Realität – Jetzt bin ich nüchtern!

Ich fühle mich derzeit wie nach einer Überdosis klatschinischen Kaffees.

Klatschianischer Kaffee hat auf den ungeübten Magen die gleiche Wirkung wie eine Kugel aus heißem Feuer auf weiche Butter. Fanatische Kaffeefreunde lassen sich ordentlich volllaufen, bevor sie dieses Zeug probieren, denn er macht mehr wie nüchtern; er bringt einen auf die andere Seite der Nüchternheit, wo man das Universum in seiner ganzen schrecklichen Realität ohne den Nebel der Selbsttäuschung sieht, mit dem sich intelligente Wesen umgeben, um nicht den Verstand zu verlieren.

Ich bin so schrecklich nüchtern geworden.

Manchmal, wenn ich etwas lese oder kommentiere, frage ich mich selbst: „Wer bist du???……….. Klugscheisser! Und? Kannst du es besser? NEIN! Aber möglicherweise weiss ich es besser. Ist doch schon mal ein Anfang.“

Ich bin so schrecklich nüchtern, wenn ich über all das nachdenke, was mir so widerfährt – oder wenn ich lese, was anderen widerfährt. Es war so schön, als ich noch anderen die Schuld für meine Situation geben konnte. Es war so einfach. Jetzt ist es auch einfach – aber nunmal so schrecklich nüchtern. Sich immer nur noch zu sagen: „Tja, das haste nun davon. Da kannst du nichts dran machen, außer dich bzw. deine Gedanken zu ändern.“

So zu denken macht einsam. Ich bemerke, dass ich mich mehr und mehr zurück ziehe. Von meinen Freunden und Bekannten. Menschen die mir einmal sehr wichtig waren, gehe ich nun bewusst aus dem Weg. Sie denken anders und können mein Denken gar nicht verstehen. Deshalb verschwinden sie unweigerlich aus meinem Leben. Wir liegen nicht mehr auf einer Wellenlänge. Anders ist das nicht zu erklären.

Dadurch werden sie natürlich nicht zu schlechteren Menschen – sie sind genau so wertvoll wie eh und je. Nur verschliesse ich mich ihrer Wahrheit gegenüber. Ich möchte mich nicht vom Weg abbringen lassen, indem ich ihren – wenn auch gut gemeinten –Ratschlägen  aussetzte. Ich mag nicht auf die Fragen, wie „Was hast du es denn jetzt beruflich vor?“ antworten müssen. Meine wahren Intentionen und Antworten würden sie eh nicht verstehen. Soll ich ihnen sagen: Ich möchte glücklich sein! Ich möchte mein Leben leben! Ich weiss nicht wie, aber ich habe ein Inneres Selbst, das mich leitet! Und lasst euch das gesagt sein: Ich werde glücklich sein! Ich bin auf dem besten Weg dorthin!

Jemand, der noch nie etwas von meiner Lebensphilosophie gehört hat, hätte nur hunderte von Fragezeichen im Kopf – und würde wohl in Erwägung ziehen, mich doch lieber mal einweisen zu lassen. Ich würde doch nur Unverständnis in ihnen wecken, und damit dann Diskussionen führen, die mich nicht weiter bringen und im schlimmsten Falle beginnen lassen, zu zweifeln. Daher ziehe ich mich zurück. Ganz unweigerlich. Natürlich ist es traurig, wenn ich höre „Wann bekommen wir denn die alte Tina zurück? Und ich kann ihnen die Frage nicht ehrlich beantworten. Denn die alte Tina gibt es nicht mehr, und die kann und wird auch niemals wieder kommen. Die müssen sie in einer anderen Realität suchen.

Heute weiß ich, dass ich an irgendeinem Zeitpunkt in der Hose der Zeit ins andere Bein wechselte.

Und manchmal macht dieses “schrecklich nüchtern sein“ sehr einsam. Natürlich gibt es soziale Netze, aber das ist nicht gleichzusetzen mit dem wohltuenden Telefonat oder Gespräch mit einem lieben Menschen.

Kürzlich hatte ich mal wieder einen Disput mit meinem Freund. Es sah erst einmal so aus, als hätte ich das Ex Wort davor setzen müssen. Und da habe ich gemerkt, wie groß das Bedürfnis doch ist, sich einfach alles von der Seele zu reden.

Also habe ich es probiert. Ich fragte eine Freundin, ob sie spontan Zeit für mich hätte. Hatte sie, aber gebracht hat es nichts. Erst wollte ich Taschentücher mitnehmen, da ich fest davon ausgegangen war, sie zu brauchen. Aber sie wären unnötig gewesen. Ich war wie zugeschnürt und habe kein Wort über die Lippen gebracht, das ansatzweise meine emotionale Situation hätte beschreiben können. Ich konnte mich nicht öffnen und schon gar nicht weinen.

Später wurde mir klar. Ihre Erwartungshaltung an mich war und ist, dass ich immer gut gelaunt bin. Es gibt mich in ihrer Vorstellung gar nicht anders, und daher war es mir nicht möglich, anders zu sein.

„Wenn du dich auskotzen willst, geht das jederzeit“ schrieb sie mir später am Abend noch. Ich habe es dankend zu Kenntnis genommen, wusste aber, dass wir da aneinander vorbei sprachen. Auskotzen ja. Über ihn? Ja klar, über wen denn sonst? Das ist ihre Sichtweise. Böser Partner – guter Partner.

Auskotzen über mich und mein Bewusstsein, das mich gängelt? Das passt nicht ins Konzept – ich passe nicht mehr ins Konzept.

Ich habe wirklich lange aushalten müssen, bis ich endlich Michael anrufen konnte. Ihm konnte ich alles erzählen. Von dem klaren Bewusstsein darüber, dass das, was passierte, meiner Erwartung folgte, bis hin zu meinem Ärger über mich selbst. Ich war nicht einmal in der Lage, wirklich schlecht über meinen Freund und sein Verhalten zu sprechen. Wie gerne hätte ich ihm die Schuld für alles gegeben. Aber es ging nicht. Ich war mir meiner Gedanken und Erwartungen so sehr bewusst, dass es weh tat und ich wirklich hemmungslos geheult habe. Und es tat richtig gut und gab mir wieder neue Ansätze und Perspektiven, die ich einfach in mein Leben integrieren kann.

Nur bin ich auch nach solch einem befreienden Telefonat immer noch schrecklich nüchtern. Die Last der Erkenntnis liegt bleiern auf meinen Schultern – dabei wünsche ich mir doch Leichtigkeit in allem, was ich mir erschaffen möchte.

Ich bin so schrecklich nüchtern geworden, dass ich meinem Freund anlässlich seines Geburtstages einen Brief geschrieben habe, da er sich immer einen Einblick in das gewünscht hat, was ich schreibe. Also bekam er einen eigens für ihn verfassten Brief, der dem, was ich sonst so schreibe, recht nahe kommt. Ich werde mich hüten, ihn meine anderen Werke lesen zu lassen. Er ist vom GDA so weit entfernt wie der Mond von der Erde. Vorgenommen hatte ich mir, etwas von gemeinsamen Wegen zu schreiben. Letztendlich schrieb ich zwar von Türen und Wegen, aber es lief darauf hinaus, dass das wichtigste im Leben ist, dass ich glücklich bin. Und dass es, um es kurz böse zusammen zu fassen, seiner Anwesenheit in meinem Leben dafür eigentlich nicht bedarf. Wenn dem so sei, gut. Wenn nicht? Auch egal – Mein Ziel glücklich zu sein, war das, was zählte.

Und so kann ich letzten Endes nur sagen: Ich brauche einen Schnaps…….

 

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Ein Kommentar:

  1. OMG, ich wechsele dauernd die Realitäten. Es ist anstrengend für die anderen, wenn sie mich gerade gelernt haben einzuschätzen und schon bin ich wieder jemand anderes.
    Ich hirne jetzt an dem Satz herum: „Es gibt mich in ihrer Vorstellung gar nicht anders, und daher war es mir nicht möglich, anders zu sein.“
    Wer bin ich nun? Kann ich ich sein, wenn die Personen um mich herum wollen, dass ich noch die Alte bin? Ich beiß mal inzwischen in den Teppich …
    LG
    Sybille“

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