Am Tag, als Christkind für mich starb

Die stärksten und intensivsten Prägungen erfahren wir in den ersten Lebensjahren. Diese liegt so weit zurück, dass wir uns meist gar nicht daran erinnern können. Es sind schleichende Prozesse, ständige Wiederholungen seitens der Menschen, die uns zu der Zeit umgeben haben. Wir sind so offen für alles, dass wir vieles ungefiltert aufnehmen und als wahr hinnehmen. Warum sollten wir das, was unsere Eltern sagen, auch hinterfragen? Schließlich sind es unsere Eltern, und warum sollten sie uns etwas erzählen, das nicht der Wahrheit entspricht? Das wäre unlogisch, zudem wägten wir nicht ab oder hinterfragten, ob etwas wahr oder falsch ist. Wir glaubten einfach. Und so hörten wir darauf, was die uns die Großen, die Erwachsenen sagten, und erlitten so ungewollt traumatische Erlebnisse, die ganz fest in unserem Denken verankert sind.

So kam auch für mich eines Tages der Moment, in dem ich den wohl intensivsten (indirekten) Glaubenssatz erkannte, der in mir vorherrscht und damit ein Trauma auslöste, das ich bis dato nicht auflösen konnte.

Es war der Tag, als das Christkind für mich starb. An dem Tag, als ich erfuhr, dass es das Christkind gar nicht gibt. An dem Tag, als mir schonend durch die Blume gesagt wurde: „Du kannst dir zwar wünschen, was du willst, aber du hast im Prinzip keinen Einfluss darauf, ob sich deine Wünsche erfüllen. Das obliegt einzig und allein deinen Eltern, ihrem Wohlwollen und auch ihrem Geldbeutel”.

Das mag jetzt banal klingen und vielleicht etwas an den Haaren herbei gezogen scheinen, aber genau so war es. Bis dahin glaubte ich inbrünstig an eine höhere Macht, an die ich mich vertrauensvoll wenden konnte und die dazu fähig war, unabhängig von Geld – sofern mir die Zusammenhänge, dass meine Geschenke vermeintlich Geld kosteten, schon bewusst waren – all meine Wünsche zu erfüllen.

Da es sich damals um recht kleine Wünsche handelte – sei es eine neue Puppe oder anderes Spielzeug – wurden sie ja auch immer erfüllt. Christkind war mein Held. Meine Wünsche hatte es voll im Blick und ich konnte mich drauf verlassen, dass diese erfüllt wurden.

Für mich war der heilige Abend immer ein Tag voller Magie und Zauberei. Das Wohnzimmer wurde zur uneinnehmbaren Festung, die Türschlösser verklebt, damit wir keine Chance hatten, einen Blick ins Zimmer zu werfen und wohlmöglich das Christkind dabei zu beobachten, wie es gerade Geschenke unterm Baum verteilte. Oh ja, meiner Fantasie waren damals keine Grenzen gesetzt. Ich konnte mir wirklich vorstellen, wie es Geschenk für Geschenk ordentlich drapierte. Und diese Magie, wie ich dann erfuhr, gab es gar nicht. Jetzt wurde uns klar, warum Mama das Klingeln des Glöckchens, diesen magischen Moment, der uns vor Aufregung kaum einen Bissen herunter bekommen und uns die Abende vorher kaum schlafen ließ, immer verpasste. Die Magie war weg. Wünschen ja – Erfüllung, vielleicht. Darüber zu entscheiden lag nicht in meiner bzw. einer übersinnlichen Macht. Und wie schon erwähnt: Da wir als Kinder solche Dinge nicht weiter hinterfragen, ob die Großen da wirklich recht haben oder sich vielleicht ganz gewaltig irren, sondern dieses Erlebnis als Tatsache abspeichern, wird diese Erfahrung zu etwas, von dem wir beginnen zu glauben, dass es genau so sein muss im Leben. Das ist der Moment, in dem Glaubenssätze geboren werden. Je reiner und offener das Kinderherz ist, desto tiefer werden sie sich am Ende verwurzeln.

Natürlich blieb Heiligabend lohnenswert. Wir freuten uns trotzdem drauf, schrieben weiterhin Wunschzettel, aber wir begannen irgendwann zu selektieren und passten sie gemäß unseren Erfahrungswerten, die wir bisher sammeln durften, an. Warum sich etwas wünschen, von dem wir ganz genau wussten, dass unsere Eltern das eh nicht erfüllen würden. Aus welchen Gründen auch immer. Die unrealistischen, im weltlichen oder gesellschaftlichen Sinne, wurden als unerfüllbar ausgeklammert. Selbst wenn ich damals nicht alles vom Christkind bekam, was ich mir wünschte (ich glaube es war das Pony, das nicht da stand und sich unterm Weihnachtsbaum erleichterte), die Nichterfüllung war nicht so niederschmetternd und enttäuschend, wie die Nichterfüllung durch meine Eltern. Und noch später im Leben, gibt es praktischer Weise Geld zu Weihnachten. Damit wir uns kaufen können, was wir uns wünschen. Und was lernen wir daraus? Um uns unsere Wünsche zu erfüllen, brauchen wir Geld, und das Geld fällt uns nicht einfach in den Schoss, sondern wird uns gegeben = Willkommen im Glaubenssatz der Abhängigkeit.

Und nun lese ich Bücher, in denen steht, dass es doch ganz anders ist. Dass das, was ich seit frühester Kindheit glaube und erlebt habe, nicht richtig ist, ja, dass es im Grunde genommen ziemlich dumm, war den Glauben an die Erfüllung all meiner Wünsche leichtfertig aufzugeben, und statt dessen auf andere zu hören. Dass ich mir sehr wohl wünschen kann, was ich will, ganz gleich was es ist, und dass die Erfüllung dieser Wünsche weder an Bedingungen noch Personen gebunden ist? Ich soll also glauben, dass es das Christkind doch gibt? Dass es nur unter einem anderen Namen, in dem Fall Universum, Inneres Selbst oder Unterbewusstsein agiert? Fünfundzwanzig Jahre lang glaubte ich an die Abhängigkeit zu der Gunst anderer und ihrem Geldbeutel, und jetzt soll es doch ganz anders sein?

Ja, so steht es geschrieben. Wunscherfüllung ist wie Magie und Zauberei. Daran soll ich nun glauben, ohne Wenn und Aber. Bedingungslos. Genau so bedingungslos, wie ich damals als Kind an die Existenz des Christkindes glaubte……….. und dann eines Besseren belehrt wurde.

Mir ist bewusst, dass kaum jemand dort den Zusammenhang sieht, warum uns das bedingungslose Glauben so schwer fällt. Natürlich sind wir heute abgeklärter und wissen, dass das Christkind nur ein Mythos war, und belächeln es, dass wir mal an so etwas geglaubt haben, aber für einen 4 oder 5 Jährigen, für den die Welt noch in Ordnung ist, der noch nicht aufgehört hat zu träumen, und dessen Gedanken noch rein sind, für so jemanden ist solch eine Erkenntnis niederschmetternd. Die heile Welt voller Magie und Zauberei bricht einfach so zusammen.

Es ist auch nicht nur dieses Erlebnis an sich, das es uns so schwer macht. Aber mit diesen Erfahrungen beginnt unsere Konditionierung dahingehend, dass Wünsche und deren Erfüllung immer an Bedingungen geknüpft wurden. Dass unsere Wünsche niemals wirklich frei sind. Dass wir auf Abhängigkeit von etwas oder jemandem gepolt wurden. Wir waren von unseren Eltern abhängig, und was sich erfüllte, war abhängig davon, was sie verdienten und bereit waren uns zu geben. Es kam auf ihr Einkommen und natürlich auch ihre Laune an, und diese war meist abhängig davon, wie wir uns verhielten. Ob wir funktionierten und liebe Kinder waren. Kurzum, wir wurden auf Abhängigkeit und Wohlwollen trainiert

  • Niemand schenkt dir etwas im Leben
  • Das Geld liegt nicht auf der Straße
  • Du musst hart arbeiten und etwas leisten

Und ich für meinen Teil muss gestehen, dass es mir schwer fällt, diese Sätze als Nonsense zu betrachten. Schlimmer noch, ich lege scheinbar sehr großen Wert darauf, mir genau immer wieder zu beweisen, dass es genau so ist. Dass ich abhängig von anderen und deren Geld bin. Dass es einfach so zu mir fließt, lasse ich recht selten geschehen. Und noch schlimmer für mich ist, dass ich genau das weiss, dass ich mich in diesem Abhängigkeitsdenken befinde, dass es mir nicht gut tut und mich auf der Stelle treten lässt, und dass ich mich dabei überhaupt nicht gut fühle.

 

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